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Wer die Tradition des Vogelschießens bis zu den Anfängen erforschen will, muss die Anfänge des Schützenwesens erforschen.


Schon bei den alten Völkern, den Indern, Persern, Hellenen und Germanen kannte man zur Zeit des Neuerwachens der Natur Schießspiele, die zum einen zu Ehren der Götter veranstaltet wurden, zum anderen aber auch eine besondere Volksbelustigung darstellten. Sie waren Ausdruck der Freude darüber, nach den verflossenen Wintermonaten sich des kommenden Frühlings und der waren Jahreszeit zu erfreuen. Von den ersten Schießfesten zur Frühlingszeit berichtet uns die Ilias. Die hellenischen Bogenschützen banden eine “schüchterne Taube” auf einen aufgerichteten Schiffsmast. Wer sie mit dem Pfeil traf, bekam als Siegprämie 10 doppelte Äxte.

Mit Ausnahme von Ostfranken, lässt sich das Schiessen sowohl auf lebende Vögel als auch auf hölzerne Vögel in manchen deutschen Landschaften weit zurück nachweisen. Als Ziel diente einmal der Kuckuck als eigentlicher Verkünder des Frühlings, in anderen Orten wählte man als Ziel eine Gans oder auch einen Papagei, daher auch Papageienschiessen oder Gogenschiessen.

Im Mittelalter kam man dann allmählich davon ab, nach lebenden Tieren zu schiessen; es dürfte sich auch von seiten der Kirche Widerstand geregt haben, da die Taube gleichzeitig ein Symbol der Dreifaltigkeit darstellt. Die Schützen gingen deshalb dazu über, auf geschnitzte hölzerne Vögel zu schiessen. In anderen Gegenden schaffte man die Tierfigur als Ziel überhaupt ab und schoss nach Maikränzen und Maibäumen. Aus diesem Gebrauch bildeten sich die “Kränzleinschiessen”, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein an manchen Orten gepflegt wurden. Da bei diesen Schützenfesten der “gründe Mai” recht deutlich gemacht werden sollte, wurde aller Bänderschmuck in dieser Farbe gewählt. Grün waren auch die Stäbe, auf denen die Kränzlein angebracht waren, nach denen geschossen wurde. Mit grünen Schleifen schmückte sich alt und jung. So wurde Grün die Farbe der Schützen bis zum heutigen Tag.

Wann zum ersten Mal nach einem geschnitzten Vogel geschossen wurde, ist nicht mehr bekannt. Man nimmt jedoch an, dass Herzog Bolko I. von Schweidnitz 1286 erstmals ein derartiges Schiessen anordnete. Es ist fesselnd, den alten Chroniken der verschiedenen Städte die Berichte über ihre Vogelschiessen zu entnehmen. Übereinstimmend stellt man fest, dass all diese Festlichkeiten im Mai und um die Pfingstzeit stattfanden. Mit welchem Pomp derartige Schützenfeste abgehalten wurden kann man daraus entnehmen, dass im Jahre 1601 zum Vogelschiessen in Halle, Schützen aus 156 Städten eingeladen waren. Jedem, der den Rumpf des Vogels traf, wurden 60 Reichstaler zugesagt. Nicht minder glänzend verliefen die Vogelschiessen der Städte Nürnberg, Liegnitz, Augsburg, Kassel, München und Stuttgart. Die ausgesetzten Preise waren ganz verschieden. Nürnberg stiftete gewöhnlich einen goldenen Becher im Wert von 24 Gulden, dem das Wappen der Stadt eingraviert war. München und Stuttgart gaben bares Geld und nur einen kleinen vergoldeten Becher. Leipzig stiftete einen silbernen Becher im Wert von 15 Talern. Danzig war noch praktischer. Es befreite den, der den besten Schuß abgegeben hatte, ein Jahr lang von allen Abgaben. Da aber andererseits die Preisgekrönten, die Verpflichtung hatten, ihren Schützenbrüdern ein “festlich Mahl” zu geben, beantragten die Preisträger bald, man möge statt der Wertgegenstände nur noch bares Geld geben, denn so ein Mahl riss ein gewaltiges Loch in den Geldbeutel des Schützen. Die Mittellosen wollten es den Bemittelten in der Bewirtung der Gäste gleichtun und nicht selten geschah es, dass der sog. Schützenkönig sein Ehrenjahr mit einer Schuld von vielen Talern anfing, weil er eben seine Gäste gar zu festlich bewirtet hatte. Da diese Gastmahle schließlich eine solche Ausdehnung annahmen, dass niemand mehr recht Schützenkönig werden wollte, wurden allenthalben Schützenumzüge und Bewirtungen durch die Landesherren verboten.

Im 15. und 16. Jahrhundert erlangten die Schützenfeste ihre höchste Blüte. Die Schilderungen dieser Veranstaltungen, zu denen das Freischiessen zu Prag 1565 und das Stahlschiessen von Regensburg im Jahre 1586 gehören, zeugen von einer Pracht, die man sich heute kaum vorstellen kann. Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg war es damit vorbei. Die Menschen hatten andere Sorgen. Erst nach und nach bildeten sich in den entvölkerten Städten und Gemeinden wieder Schützengesellschaften, die das Schiessen mit Armbrust oder der Büchse sowohl auf obrigkeitliche Anordnung als auch zu ihrem eigenen Vergnügen übten. Der Gewinner der Vogelkönigswürde durfte auch nicht mehr auf einen Preis in klingender Münze oder sonstiger Vergünstigungen hoffen. Sein einziges Ehrenzeichen war die auf Zeit verliehene Königskette.